Vorbeugen mit Taijiquan

Nicht nur in China gilt die bewegte Meditation als gesund. In mehreren Punkten bestätigen inzwischen wissenschaftliche Arbeiten den guten Ruf des Schattenboxens.

taijiimpark

Taijiquan oder Schattenboxen hat wohl jeder schon einmal gesehen. Es wird meist in Gruppen durchgeführt, häufig im Freien, zum Beispiel im Park. In China ist Taijiquan ein Volkssport und hat den Ruf, der Gesundheit zuträglich zu sein. Beobachter sind meist beeindruckt von den meditativen Bewegungen, die fast wie in Zeitlupe unter spürbarer Konzentration der Übenden ablaufen.

Ursprünglich ist Taijiquan eine Kampfkunst. Heute kennen wir es jedoch eher als eine Art Gymnastik. Seine derzeitige Beliebtheit geht auf Zheng Manqing zurück, der 1964 nach New York kam und es dort als erster asiatischer Meister verbreitete. Von Amerika aus begann Taijiquan dann seinen Siegeszug durch die restliche westliche Welt. Es gibt ungezählte Schulen und Stilformen. Allen gemeinsam ist, dass sie für sich gesundheitsfördernde Effekte in Anspruch nehmen. Inzwischen existieren zahlreiche klinische Studien, die diese These auch wissenschaftlich überprüfen. Mein Team hat sie in mehreren Übersichtsartikeln zusammengefasst. Diese Ergebnisse zeigen im Wesentlichen Folgendes:

• Zwölf Studien testen die Wirksamkeit des Taijiquan bei Osteoarthrose. Ihre Schlussfolgerungen sind nicht völlig einheitlich, aber zumindest einige Untersuchungen sprechen für einen günstigen Einfluss auf Schmerz und Funktion.
• Neun Studien prüfen, ob Taijiquan das Herz-Kreislauf-Risiko reduziert. Hier scheint die Antwort relativ einheitlich positiv auszufallen, insbesondere zeigt sich eine Normalisierung erhöhter Blutdruckwerte.
• Ob Taijiquan zudem auch die Blutzuckerspiegel bei Diabetikern senkt, ist dagegen weniger klar.
• Sieben Studien existieren zu der Frage, ob Taijiquan bei Osteoporose wirksam ist. Obschon es einige positive Hinweise gibt, ist die Datenlage hier letztlich nicht überzeugend.
• Wohl am besten belegt ist die Wirksamkeit des Taijiquan bei der Prävention von Stürzen älterer Menschen. Dies ist ein ganz erhebliches Problem: Wegen zunehmender Gangunsicherheit in höherem Alter fallen Senioren häufig hin und verletzen sich dabei. Die Folge kann eine Fraktur mit langem Krankenhausaufenthalt oder gar Tod sein. Mit Taijiquan gelingt es, solchen Zwischenfällen effektiv vorzubeugen.
Skeptiker werden spätestens hier anführen, dass das alles ja recht und schön, aber eigentlich wenig verwunderlich sei. Jede Art regelmäßiger körperlicher Betätigung hat bekanntlich positive Effekte. Die Gretchenfrage ist daher, ob Taijiquan besser ist als ein ganz gewöhnliches körperliches Training. Zu ihrer Beantwortung gibt es nicht gerade übermäßig viele Daten. Die meisten Studien zeigen jedoch keinen Unterschied zwischen Taijiquan und konventionellen Trainingsformen. Mein Fazit lautet entsprechend, dass Taijiquan zweifellos eine Reihe gesundheitsfördernder Wirkungen aufweist. Ob es dabei anderen Arten der regelmäßigen körperlichen Bewegung überlegen ist, muss derzeit offen bleiben.

Von Eduard Ernst | Quelle Stern „Gesund leben“ | Ausgabe 1/2009